Frauke Liebs: Verschwunden auf dem Heimweg

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00:00:00: Es ist der zwanzigste Juni, zwei tausendsechs.

00:00:03: Ganz Deutschland befindet sich im WM-Fieber.

00:00:06: Aus offenen Kneipen dringen Jubelrufe, Autos hoopen, überall feiern Menschen.

00:00:11: Auch in Paderborn verfolgen Hunderte Fans das Spiel England gegen Schweden.

00:00:16: Mitten unter ihnen sitzt die einundzwanzigjährige Krankenpflegeschülerin Frauke Liebs.

00:00:21: Zwischen den Jubelufen zum Spiel schickt sie mehrere SMS an einen Bekannten.

00:00:27: Weil der Akku ihres Mobiltelefons fast leer ist leidt sie sich zwischendurch noch den Akku einer Freundin aus.

00:00:34: Gegen dreiundzwanzig Uhr verabschiedet sie sich schließlich und macht sich auf dem Heimweg.

00:00:39: Bis zu ihrer Wohngemeinschaft sind es nicht einmal zwei Kilometer, ein kurzer Weg durch die Stadt, den Sie gut kennt.

00:00:47: Doch sie wird in dieser Nacht nicht Zuhause ankommen!

00:00:51: Um kurz vor eins in der Nacht trifft auf dem Handy ihres Mitbewohners noch eine kurze Textnachricht ein, die ankündigt dass sie später nach Hause kommen wird.

00:01:01: Die Nachricht klingt zunächst beruhigend, doch die junge Frau trifft auch verspätet nicht ein.

00:01:07: In den folgenden Tagen passieren Dinge, die Familie und Ermittler bis heute rätseln lassen.

00:01:13: Immer wieder schaltet sich Immobiltelefon an verschiedenen Orten rund um Paderborn ein Und immer wieder treffen kurze verstörende Anrufe und Nachrichten ein.

00:01:24: Es ist der Beginn einer der bekanntesten ungelösten Kriminalfälle Deutschlands Das Schicksal von Frau Geliebs.

00:01:32: Frau Geliebs stammte ursprünglich aus Lübecke im Nordosten von Nordrhein-Westfalen.

00:01:37: Für ihre Ausbildung zur Krankenpflegerin war sie nach Paderborn gezogen, dort wohnte sie gemeinsam mit ihrem Exfreund Chris, mit dem sie weiterhin eng befreundet war in einer Wohngemeinschaft.

00:01:49: Paderborne bot als mittelgroße Stadt einerseits städtische Anonymität, grenzte aber auch direkt an abgelegene ländliche Gebiete.

00:01:57: Am nächsten Morgen – dem einundzwanzigsten Juni, erscheint Frauke Liebs nicht zu ihrem Dienst im Paderbornerkrankenhaus.

00:02:06: Ihre Mutter, alarmiert durch das Ausbleiben und die fehlende Erreichbarkeit sucht noch am selben Tag frauges Wohnung auf.

00:02:14: Da jede Spur von ihr fehlt meldet die Familie sie kurz darauf bei der Polizei als vermisst.

00:02:20: Die erste erschreckende Erkenntnis bringt die Auswärtung der Mobilfunkdaten.

00:02:24: Die SMS um null Uhr neunundvierzig wurde gar nicht aus Paderborne gesendet.

00:02:30: Das Telefon hatte sich in einer Funkzelle bei Nihheim Entrub im Kreis Höxter eingewählt, einem kleinen dörflichen Ortsteil rund thirty-fünf Kilometer und vierzig Autominuten von ihrer Wohnung entfernt.

00:02:42: Wie war sie in so kurzer Zeit dort hingelangt?

00:02:46: Warum war sie plötzlich soweit weg wenn sie doch eigentlich nur zu Fuß nach Hause gehen wollte?

00:02:51: Die erste SMS aus Nihayn belegt dass der Täter Frauke bereits kurz nach dem Aufgreifen über eine beträchtliche Strecke transportierte.

00:03:00: Rund um Nieheim wechseln sich Wälder, Felder und abgelegene Höfe ab.

00:03:04: Eine Gegend in der man sich leicht unbeobachtet bewegen kann.

00:03:09: Während die Familie in tiefster Sorge ist folgt eine Phase, die diesen Fall einzigartig und beklemmend macht.

00:03:16: Vom zweiundzwanzigsten Juni einem Donnerstag bis zum fünfundzwanziger Juni dem Sonntag meldet sich Frau Geliebs an jedem dieser vier Tage telefonisch.

00:03:27: Stets ruft sie mit ihrem eigenen Handy ihren Mitbewohner an.

00:03:31: Die Anrufe dauern jeweils weniger als eine Minute, ein ungewöhnliches Muster.

00:03:36: Dieses deutete bereits auf einer erzwungene oder zumindest stark eingeschränkte Kommunikationsmöglichkeit hin.

00:03:43: Drei dieser Telefonate gehen spät abends ein – am Donnerstag um zweiundzwanzig Uhr sechsundzwantzig, am Freitag um dreiundzwantsig Uhr vier und am Sonntag um zwanzig uhr achtundzwanzig.

00:03:56: Nur das Gespräch am Samstag fällt aus dem Rahmen.

00:03:59: Es erfolgt bereits um vierzehn Uhr, zweiundzwanzig.

00:04:03: Frau Geliebs macht kaum Angaben zu ihrer konkreten Situation.

00:04:07: Anfangs deutet sie an Sie komme bald nach Hause vielleicht um ihre Familie zu beruhigen oder sich selbst Mut zu machen Doch bei weiteren Nachfragen weicht sie aus.

00:04:17: Ihre Antworten wirken rätselhaft Teilweise sinnlos.

00:04:21: Das beklemmende Gefühl der Angehörigen wächst Unmittelbar.

00:04:25: nach dem Telefonat am Freitagabend gelingt Frauke-Liebsbruder ein kurzer Rückruf.

00:04:30: Doch auch er erhält keine klaren Informationen, nur Fetzen die die Verwirrung steigern.

00:04:37: Am Montag, dem sechsohnzwanzigsten Juni herrscht plötzlich stille.

00:04:41: Entgegen den bisherigen Muster gibt es an diesem Tag keinen Kontakt.

00:04:46: Die Hoffnung schwindet, die Angst wächst.

00:04:49: Dann Am siebenundzwanzigsten Juni, einem Dienstag beginnt um dreiundzwantig Uhr neunundzwanzig das fünfte und letzte Telefonat.

00:04:58: Dieses Mal dauert es über fünf Minuten – eine ungewöhnlich lange Dauer im Vergleich zu den vorherigen Kontakten!

00:05:05: Der Mitbewohner und ihre Schwester hören über die Lautsprecherfunktion mit und stellen gezielte Fragen.

00:05:11: Als sie frauke schließlich direkt fragen ob sie gegen ihren Willen festgehalten wird haucht sie zunächst ein leises Ja Korrigiert sich jedoch direkt danach lautstark mit zwei Nein.

00:05:24: Unmittelbar nach diesem abrupten Widerspruch bricht der Kontakt ab.

00:05:28: Nach dem Gespräch sitzen die beiden da, schreiben akribisch alles auf woran sie sich erinnern.

00:05:34: Jedes Wort jede Pause jeder Tonfall ist wichtig um keine Details zu verlieren.

00:05:40: Es ist das letzte Lebenszeichen von Frau Geliebs.

00:05:44: Spätere Auswertungen ergeben Bei allen fünf Telefonaten befand sich Immobiltelefon in verschiedenen Paderborner-Gewerbegebieten.

00:05:53: Der Täter steuerte diese offenbar gezielt an, um die Anrufe aus abgelegenen und schwer zu überwachenden Orten zu tätigen.

00:06:00: Die dazu wechselnden Standorte erschweren den Ermittlern eine präzise Lokalisierung des Verstecks während der Anruffe.

00:06:08: Ein Katz-und Maus Spiel.

00:06:10: Über drei Monate vergehen.

00:06:12: Am vierten Oktober, zwei tausendsechs entdeckt ein Jäger in einem abgelegenen Waldstück bei Lichtenau die Leiche von Frauke Liebs.

00:06:21: Der Fundort liegt rund fünfzehn Kilometer Luftlinie von Paderborn entfernt zwischen den kleinen Ortschaften Asseln und Herbramwald im Kreis Paderborne.

00:06:30: Dort etwa zwanzig Meter abseits der Straße L eighthundert siebzehn in einer Mulde hinter einem Baum stamm unter dichtem Tannendickicht liegt die stark verweste und bereits skilletierte Leiche.

00:06:43: Eine lange Liegezeit im Freien wird offensichtlich!

00:06:46: Die Leiche trägt noch Frauke-Liebskleidung vom Tag ihres Verschwindens, Blue Jeans ein rotes Oberteil und weiße Tonschuhe Doch Immobiltelefon, ihre schwarze Handtasche, ihre Geldbörse und ihre Armbanduhr bleiben verschwunden.

00:07:04: Am Fundort selbst konnten die Kriminaltechniker keine verwertbaren Reifenspuren, Fingerabdrücke oder DNA-Spurensichern.

00:07:13: Für die Ermittler spricht vieles dafür, dass der Täter äußerst vorsichtig vorging um sämtliche Spuren zu verwischen.

00:07:20: Obwohl im Jahr six moderne forensische Methoden wie DNA-Analysen bereits verfügbar waren zeigten die fehlenden Beweise am Tatort die Grenzen der damaligen Spurensicherung unter den schwierigen Bedingungen im Freien auf.

00:07:36: Durch die fortgeschrittene Verwesung und Skeletierung des Leichnahms konnten die Gerichtsmediziner die exakte Todesursache nicht mehr feststellen.

00:07:45: Die Obduktion bestätigte lediglich, Frauke Liebs starb spätestens einige Tage nach dem letzten Telefonat vom siebenundzwanzigsten Juni.

00:07:54: Die Ermittler standen vor einem Rätsel doch die Rekonstruktion zeichnete nach und nach das Bild einer durchdachten Taktik.

00:08:02: Bereits die allererste SMS aus Nieheim-Entrub, rund vierzig Autominuten von Paderborn entfernt belegte das der Täter Frauke kurz nach ihrer Entführung über eine beträchtliche Strecke transportierte und sein Aktionsradius von Anfang an groß war.

00:08:18: Die weiten Wege und die geringe Infrastruktur in den ländlichen Gebieten rund um Paderborne, Nieheim und Lichtenau boten ihm zahlreiche unüberwachte Routen.

00:08:29: Zudem war die Polizeidichte in diesen dünn besiedelten Regionen im Jahr six deutlich geringer als in städtischen Zentren, was die Entdeckungsgefahr für den Täter minimierte.

00:08:40: Der ländliche Charakter vieler kleiner Ortschaften im Kreis Höxter und Paderborn erleichterte es ihm sich unauffällig zurückzuziehen oder isolierte Unterkünfte zu nutzen.

00:08:51: Auch bei den Anrufen nutzte der Täter seine genaue geografische Kenntnis der Region.

00:08:56: Er steuerte bewusst verschiedene Gewerbegebiete in Paderborn an, um die Telefonate von schwer zu überwachenden Abschnitten auszutätigen und die Lokalisierung seines eigentlichen Verstecks zu erschweren.

00:09:09: Eine operative Fallanalyse des Landeskriminalamts NRW kam zu dem Schluss, dass Frau Geliebs höchstwahrscheinlich im ländlichen Raum rund um Nihheim festgehalten wurde.

00:09:20: Die Profiler gingen von einem ortskundigen männlichen Einzeltäter aus der die Gegebenheiten der ländlichen Umgebung gezielt für seine Zwecke nutzte.

00:09:29: Welches Versteck der Täter wählte, ob ein Haus eine Jagdhütte oder einen Wohnwagen ist bis heute ungewiss.

00:09:37: Besonders mobile Unterkünfte wie Wohnwagen- oder Autarke Wohnmobile hätten dem Täter in abgelegenen Gebieten eine unauffällige Diskrete und von Infrastruktur unabhängige Behausungen geboten um sein Opfer über Tage hinweg unbemerkt abzuschirmen.

00:09:54: Nach dem Leichenfund gründete die Polizei die Mordkommission MK-Lichtenau.

00:10:00: Bereits am threizehnten Oktober, zwei tausend sechs wurde eine Belohnung von siebentausend fünfhundert Euro ausgesetzt.

00:10:07: Fünf Tausend Euro stammten von fraukes Eltern.

00:10:10: zweitausend fünfhundat Euro von der Staatsanwaltschaft Paderborn.

00:10:15: Die Ermittler arbeiteten unter Hochdruck.

00:10:17: Bis zur Auflösung der MordKommission im Juni, zweitausendsieben bearbeiteten sie rund siebenhundert Spuren und vernahmen etwa ein tausend Personen.

00:10:27: Unter den Befragten befanden sich auch mehr als einhundert Personen, mit denen Frau Geliebs zuvor per Internetchat oder E-Mail Kontakt gehabt hatte.

00:10:36: Trotz dieser akribischen Arbeit blieb der entscheidende Durchbruch damals aus Doch die Ermittlungen werden nach der Auflösung der Mordkommission fortgesetzt.

00:10:46: Frau GelIEBS fand am siebenundzwanzigsten Oktober zweitausendsechs ihre letzte Ruhe auf dem Lübecker Friedhof.

00:10:53: Am Fundort erinnert eine kleine, inoffizielle Gedenkstätte mit einem Holzkreuz und ihrem Vornamen an sie.

00:11:00: Die Ermittlungen laufen weiter – denn Mord verjährt in Deutschland nicht!

00:11:05: Mitte Jahrzehntzehn prüfte die Kriminalpolizei eine mögliche Verbindung zum Kriminalfall Höchster, fand aber keine Zusammenhänge.

00:11:14: Im Dezember-Zweitausendneunzehn wurde der Fall offiziell in die Cold Case Datenbank des Landeskriminalamts NRW aufgenommen.

00:11:22: Im Juli-Zweitausendzwanzig erhöhte ein anonymer Unternehmer die Belohnung für Hinweise, die zu Ergreifungen des Täters führen von siebentausend Fünfhundert Euro auf dreißigtausend Euro.

00:11:33: Bis November-Zwei-Tausendzweiundzwanzich überprüften die Beamten im Mordfall Frau Geliebs insgesamt eintausend Einhundertfünfzig Spuren.

00:11:43: Staatsanwalt Kai Uwe Waschkies hofft der Täter oder einen Mitwisser verrät sich irgendwann durch eine verdächtige Äußerung und trägt zur Aufklärung bei.

00:11:53: Bis heute weiß niemand, wo Frau Geliebs in jener Woche festgehalten wurde.

00:11:57: Niemand weiß warum der Täter sie immer wieder telefonieren ließ und niemand weiß wer sie schließlich tötete.

00:12:05: mehr als zwanzig Jahre später hoffen die Ermittler noch immer auf den einen Hinweis, der diesen Fall doch noch aufklären könnte.

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